02.12.: Golden

Es ist noch dunkel als der Wecker leise unter meinem Kopfkissen klingelt und vibriert. Mein Unterbewusstsein scheint schon darauf gewartet zu haben, denn ich bin sofort wach, schalte mein Handy aus und schleiche mich aus Bett und Schlafzimmer, um meinen Mann nicht zu wecken, der neben mir noch selig schlummert. Denn ich bin heute auf einer Mission unterwegs.

In der Küche steht bereits mein Thermobecher mit einem Beutel Earl Grey-Tee parat. Nur das Wasser muss noch aufkochen. Während der Wasserkocher seiner Tätigkeit nachgeht, schleiche ich ins Bad, um mir ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen, die Kontaktlinsen einzusetzen und die Haare mit einem Zopfband aus dem Gesicht zu tüdeln. Während ich dies tue, schleicht sich bereits das Dämmerlicht durch die großen Fenster und ich merke, dass ich mich beeilen muss. Schnell in die Hose und Turnschuhe geschlüpft, den Hoodie über den Kopf gezogen und natürlich den Tee aufgegossen. Und flugs habe ich auch schon meine Fototasche geschnappt, die Picknickdecke über die Schulter geschwungen und ziehe die Tür leise hinter mir zu. Draußen erwischt mich die frische Kälte des Augustmorgens an der nördlichen Ostseeküste Dänemarks – quasi in direkter Luftlinie gegenüber Göteborgs, nur halt Dänemark statt Schweden.

Die Scheiben des Autos sind beschlagen als ich durch die Heide Richtung Dünen fahre, die Scheinwerfer eingeschaltet, über fast menschenleere Straßen. Die dänische Radiosprecherin erzählt mir in scheinbar international gültiger Morgenradio-Tonlage irgendwelche Dinge, die ich nicht verstehe. Eigentlich wollte ich dänisch lernen, doch die Babbel-App fristet auf meinem Telefon ein Dasein, das von Ignoranz geprägt ist. 

Doch bevor ich mir große Mühe geben kann, vielleicht die eine oder andere Schlagzeile zu verstehen, bin ich auch schon auf dem Parkplatz hinter den Dünen angekommen. Das einzige Auto weit und breit. Mit meinen Taschen, Decken und dem Becher bewaffnet, schlängele ich mich durch die Hagebuttensträucher und Heckenrosen über den schmalen Dünenweg in Richtung Strand. Je näher ich der Ostsee komme, desto frischer spüre ich den Wind. Gänsehaut zieht sich über meine nackten Knöchel, denn auf Socken habe ich verzichtet, da die in den Turnschuhen im feinen weißen Sand des Ostseestrandes eh meist nur vollsanden und nerven.

Ich stapfe die letzte große Düne hinauf und halte unmerklich ein wenig die Luft an, denn auf meinem kurzen Weg ist es bereits immer heller geworden und ich will schließlich nicht zu spät sein. Obwohl ich weiß, dass ich noch rechtzeitig da bin, bin ich innerlich hektisch.

Als der Blick über die Düne frei ist, empfängt mich bereits ein rot-brauner Streifen am Horizont und ich erkenne schemenhaft die vor Skagen ankernden Schiffe. Ich breite meine Decke aus, platziere den Becher im Sand, so dass er nicht umkippen kann und bringe meine Kamera und Handy für die Fotos, für die ich hier bin, in Stellung. Langsam rückt der Uhrzeiger auf den Moment vor, wo die Sonne sich über die Ostsee an diesem Morgen das erste Mal zeigen soll und mit jedem Moment wechselt das Himmelsschauspiel von rot zu orange und allen Schattierungen dazwischen. Der Wind weht über das Dünengras, das Licht strahlt unwirklich über die Wellen des Meeres und die Stimmung ist fast unbeschreiblich. Anspannung. Ungeduld. In absoluter Hochachtung vor der Schönheit unserer Erde und unserer Natur blicke ich wie gebannt auf den Horizont und bin ergriffen. Nicht nur eine Träne rollt über meine Wange als die Sonne sich schließlich in goldenem Überschwang, zunächst in einem kleinen Streifen und dann in einer Geschwindigkeit, die schon fast unwirklich erscheint über den Horizont schiebt.

Der Horizont erstrahlt golden, der Himmel glüht und das Licht, das uns alle am Leben erhält, begrüßt mit mir gemeinsam diesen neuen Tag.

Das eine oder andere Foto  mache ich, mein Handy hatte ich positioniert und hat automatisch im Zeitraffermodus gefilmt, was ich gerade erlebt habe. Doch bei all meiner Ergriffenheit bin ich kaum zum Fotografieren gekommen. Ich sitze nun auf meiner Decke, trinke meinen Tee und bin einfach nur sprachlos über dieses Ereignis, dessen ich gerade Zeugin wurde, das sich täglich wiederholt und dabei doch so unwirklich, einzigartig und einfach wunderbar ist. Jeden Tag, egal ob wir es sehen können oder nicht. Der Sonnenaufgang. Golden.

Es ist nun kurz nach halb sechs und als die Sonne nun immer höher steigt, bekomme ich in meiner beseelten Einsamkeit am Strand Besuch von den ersten Spaziergängern, die morgens am Strand ihre Hunde ausführen. Und mir erscheint es fast, als könnten selbst die Hunde spüren, wie frisch und unbeschrieben dieser goldene Tag vor uns allen liegt. 

Mein Tee ist ausgetrunken, meine Seele ist genährt, hat sich emotional beruhigt und nach einigen kleinen Fotostopps, um das goldene Morgenlicht einzufangen, bin ich zurück am Auto und mache mich auf den Weg zum Bäcker, um den Mann mit frischen warmen dänischen Brötchen zu wecken. Ein weiterer goldener Urlaubstag hat begonnen.

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