01.12.: Mein Lächeln

Jedes Jahr veröffentlicht Susannah Conway im Dezember eine Liste, die sie ‚December Reflections‘ nennt. Ihre Follower auf Instagram und ihrem Blog sollen so angeregt werden, jeden Tag ein Foto zum Thema des Tages zu teilen und mit diesem Foto, das Jahr Revue passieren zu lassen. Ich habe vor Jahren dort bereits auch einmal lediglich mit Fotos mitgemacht.

Doch in diesem Jahr habe ich mir etwas besonderes überlegt, was auch ein wenig die Veränderungen einleiten soll, die es wohl demnächst hier auf meinem Blog und meiner ganzen Webseite geben wird. Sie sind gerade noch im Werden und Entstehen und werden in meinem Kopf noch hin und her bewegt, deshalb kann ich dazu noch gar nicht mehr sagen, selbst wenn ich wollte. Doch soviel ist klar: es soll anders und deutlich persönlicher und deutlich mehr Jasmin hier werden. Deshalb möchte ich dieses Jahr auch damit abschließen, dass ich hier im Blog nicht nur Fotos teile, die zu den Dezember Reflexionen thematisch passen, sondern auch kleine Geschichten, die ich zum Tages-Thema schreibe. Vielleicht tragen diese Geschichten autobiographische Züge, vielleicht auch nicht… Ich weiß es ehrlich gesagt deshalb noch nicht, weil diese Geschichten immer tagesaktuell entstehen werden.

Ich freue mich natürlich entweder über Kommentare oder auch Mitstreiter bei dieser Idee. Wer mitmachen will, hinterlässt gerne in den Kommentaren einen Link zum eigenen Beitrag, so dass wir alle partizipieren können.

Doch nun genug der Vorrede.

Hier kommt meine erste Geschichte:

01. 12. | Mein Lächeln

Zu klein der Mund. Die Oberlippe zu schmal, so empfindet sie es zumindest, die Lippen insgesamt rau. Und manchmal muss sie sich noch daran erinnern, dass sie den Mund ruhig öffnen kann beim Lächeln. Lange hatte sie sich dies versagt, denn die Zähne waren so schief. Doch seit ein paar Jahren hat sie sich mit einer teuren kieferorthopädischen Behandlung die Freiheit erkauft, befreit lachen zu können; die Zahne gerade, wie an einer Schnur gezogen. Weißer könnten sie sein, aber irgendwas ist ja immer… 

Zu selten traut sie sich, dieses teuer erkaufte Lächeln einzusetzen. Wenn sie mit dem Auto an der Ampel steht, schaut sie nicht nach rechts oder links, zu groß die Gefahr, dass da jemand im Nachbarauto sitzen könnte, der sie auch anschaut und sie anlächelt. Was sollte sie denn dann bloß tun? Etwa zurück lächeln? Unvorstellbar!

An diesem kalten stürmischen Dezembermorgen musste sie sich darüber auch gar keine Gedanken machen, denn schließlich brauchte sie gar nicht ins Auto steigen, denn natürlich war auch in diesem zweiten Pandemie-Winter, der die Welt getroffen hatte, wieder einmal Home-Office angesagt. Und so saß sie zu Hause an ihrem Schreibtisch und verbrachte den Vormittag in Videokonferenzen virtuell auf der ganzen Welt. Wieso man hier immer noch von Videokonferenzen sprach, war ihr eigentlich ein Rätsel, denn nach der ersten Euphorie über die digitalen Möglichkeiten, die man während der Pandemie nutzen konnte, hatten nach fast 20 Monaten nur noch die wenigsten Teilnehmer bei ihren Webmeetings die Webcams eingeschaltet. Und ihr war das auch ganz recht so, denn so kam sie auch dort wenigstens nicht in die Verlegenheit, den oftmals persönlich noch unbekannten Menschen, allzu tiefe Einblicke in ihr Zuhause und damit ihr Ich geben zu müssen, geschweige denn auch hier womöglich andere beschämt anlächeln zu müssen in diesen ersten oft so komisch anmutenden Minuten eines Webmeetings, wenn keiner so recht wusste, was man sagen sollte. 

So war also dieser Dezembermorgen eigentlich ganz kuschelig gewesen. Sie saß an ihrem Schreibtisch, hatte das erste Meeting mit Shanghai, wo es schon Nachmittag war, mit einem heißen Tee versüßen können und hörte den Sturm draußen an ihrem Fenster vorbei rauschen. So war das Arbeiten eigentlich fast gemütlich und ohne dass sie es richtig merkte, lächelte sie versonnen vor sich hin als es plötzlich an der Tür klingelte. Sie hatte doch gar nichts bestellt! Bestimmt ein Päckchen für die Nachbarn… So sprang sie also schnell zur Tür und drückte auf den Türöffner, ohne über die Gegensprechanlage zu fragen, wer dort sei, denn sie war zu sicher, dass es sich um einen Paketzusteller handeln müsste. Als sie vor der Tür Schritte auf der Treppe hörte, öffnete sie die Tür und sah gerade noch, wie diverse Päckchen durch die Luft flogen und ein ziemlich durchnässter Mann in gelbem Hemd über die letzten Stufen des Treppenabsatzes stolperte und bäuchlings vor ihrem Fußabtreter landete. Die Päckchen und Pakete purzelten durch die Gegend und eins rutschte ihr direkt vor die Füße und sie hörte sich laut auflachen.

„Na, danke…“, hörte sie den Zusteller empört ausrufen als dieser sich langsam wieder aufrappelte, sich über die angeschlagenen Knie strich und schließlich zu ihr hinblickte. Grau-grüne Augen blitzten sie schelmisch unter braunen Wuschelhaaren an als sie sich beschämt die Hand vor den Mund hielt, denn Schadenfreude war nun wirklich keine schöne Eigenschaft. „Nein! Nicht!“, hörte sie den jungen Mann sagen, als er einen Schritt auf sie zumachte und fast nach ihrer Hand greifen wollte, sich dann aber wohl aufgrund der Pandemie-Situation eines besseren besann. „Sie haben doch so ein schönes Lächeln!“

So einfach konnte ein kalter Dezembertag im Home-Office gerettet sein.

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